Crowd-Bericht VIII: Peter Doherty im Huxleys

Es war fast wie bei der Cantina Band: Dreimal spielte Pete Doherty im Berliner Huxleys „Kolly Kibber“, den Eröffnungstrack seines aktuellen, tourbetitelnden Albums „Hamburg Demonstrations“. Ihm selbst war das nicht so geheuer, aber das Filmteam bestand darauf. Vielleicht war der Akku leer oder die Speicherkarte voll, vielleicht brauchten sie aber auch einfach mehr Material für das neue „Kolly Kibber“-Video, das daraus entstehen soll. Im Publikum nahm man die Dreharbeiten mit Humor und hoffte insgeheim, das auch für „Fuck Forever“ oder ähnliche Kaliber ein Mitschnitt geplant ist.

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Der „Kolly Kibber“-Hattrick war nicht der erste „Das hab ich ja noch nie erlebt“-Moment dieses Abends und sollte auch nicht der letzte sein. Los ging es schon, als sich gefühlt im Viertelstundentakt die Support Acts die Gitarre in die Hand gaben. Den Opener machte der angekündigte Singer-Songwriter Sion Hill (mit Jürgen-Klopp-Doppelgänger an der E-Gitarre), gefolgt von David Gaffney, der nur drei Songs spielte und sich ausdrücklich für diese Chance bedankte, bis hin zu einer Spoken-Word-und-Pete-Doherty-Coversongs-Performance von Trampolene-Mitglied Jack Jones, der später als Gitarrist des Hauptacts noch einmal wiederkommen sollte. Irgendwann standen sogar die Roadies auf der Bühne und spielten ein Lied. Das alles hatte was von einem Bandwettbewerb, war aber durchaus unterhaltsam.

Der Auftritt von Peter Doherty & Puta Madres, wie das Line-up offiziell heißt, entpuppte sich dann als eine völlig neue Konzerterfahrung im Doherty-Universum. Es war keine krachende Indie-Rock-Nummer wie bei den Libertines oder Babyshambles und auch kein Songwriter-Abend wie bei anderen Soloshows des Briten. Die Performance lag irgendwo dazwischen, mit leichter Tendenz ins Progressive. Violine (Miki Beavis) und Keyboard (Katia de Vidas) erweiterten das Klangspektrum merkbar und gaben dem Sound einen Velvet-Underground-Touch, der seine Offenbarung im grandiosen VU-Cover „Ride Into The Sun“ fand. Auch „Flags Of The Old Regime“ erinnerte in einer zwanzigminütigen, mit Amy Winehouse-Lyrics bespickten Version merkbar an Lou Reed und John Cale.

Viele der zum Teil unveröffentlichten Songs hatten einen bewussten Werkstatt-Charakter, Dohertys Antwort auf durchchoreographierte Konzerte. An diesem Abend im Huxleys war alles möglich: Ein junger Mann aus dem Publikum kam auf Wunsch von Pete auf die Bühne, um ein Gedicht vorzulesen, Gitarrist Jack Jones machte einen Kopfstand, Schagzeuger Rafa spielte zeitweise nur noch im Stehen und Babyshambles-Urgestein Drew McConnell am Bass war einfach nur glücklich, wieder mit Pete auf der Bühne zu sein. Sie alle hatten sichtlich ihre Freude und verbreiteten eine sympathische Gemeinschafts-Stimmung, die mit der Zeit auch auf das Publikum überschwappte, obwohl viele sicher ein anderes Konzert erwartet haben. Spätestens bei den Babyshambles-Klassikern „Killamangiro“ und „Fuck Forever“ war dann aber auch der Letzte zufrieden. Sie bleiben jedoch neben „Albion“, „Last Of The English Roses“ und einigen Zeilen aus „Music When The Lights Go Out“ die einzigen Hits dieses Abends. Vielleicht sollte man das aber nicht als verpasste Chance, sondern vielmehr als Erweiterung verstehen.

Neulich im Kino III: „Elvis & Nixon“

Fast 40 Jahre ist Elvis nun schon tot. Aber als einer DER Larger-Than-Life-Typen der Popkultur ist Ihre Königliche Hoheit immer noch äußerst präsent. Klar, in den USA mehr als hierzulande, aber Kult bleibt eben Kult.

Warum also nicht mal wieder einen Film über Elvis machen? Mit namenhaften Schauspielern und einer ebenso abgedrehten wie wahren Story? Eigentlich ist es pures Comedy-Gold, was sich Ende 1970 im Oval Office abgespielt hat: Elvis Presley persönlich kreuzte (bewaffnet) im Weißen Haus auf, um Präsident Nixon eine Dienstmarke abzuschwatzen. Elvis als Bundesagent? Ja richtig, der King wollte undercover gehen und Amerika vor Drogen und dem Einfluss der Beatles retten. Kein Witz. Dass Elvis selbst nicht immer nüchtern war, ist dabei nur einer von vielen Gags.

So geschah es also: „Elvis & Nixon“ kam im April 2016 in die US-amerikanischen Kinos, exakt an Richard Nixons 22. Todestag. Wer spielt den Präsidenten? Logisch: Kevin Spacey. Und Elvis? Michael Shannon. Beide sehen ihrer jeweiligen Figur nicht wirklich ähnlich, was nur konsequent ist.

Bei uns erschien der Film schließlich im Dezember, einen Monat nach der US-Wahl. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich schon eines ab: „Elvis & Nixon“ wird kein Kassenschlager mehr. Mit einem weltweiten Einspielergebnis von rund 1,5 Millionen Dollar im Gepäck konnte zwar die deutsche Presse, aber nicht das Publikum flächendeckend erreicht werden. Dazu trug auch bei, dass der Streifen nur in ausgewählten Kinos lief. Selbst in Berlin war es gar nicht so einfach, zu den glücklichen Besuchern zu zählen, was im Endeffekt sehr schade ist.

Denn: Die Story ist völlig irre und reizvoll zugleich. Wer ist der wahre Boss? Nixon als Staatsoberhaupt oder Elvis als König von Amerika? Kevin Spacey spielt die Rolle des Präsidenten gröber und einfacher als in „House of Cards“, Michael Shannon den Entertainer mit so viel Überzeugung und Charme, dass es einfach fetzt, diesen zwei Typen 90 Minuten zuzuschauen. Die anderen beiden Kinobesucher und ich hatten jedenfalls riesigen Spaß.

Nachschub fürs Billy-Regal V: „Die Chemie des Todes“ von Simon Beckett

Vor mir liegt die 46. Auflage dieses Buches. Weißes Cover, schwarze Umrandung, schwarze Schrift – Respekt an die Grafik-Abteilung. Alleine diese Aufmachung hat eine unheimliche Aura, dazu der vielversprechende Titel. Bei dermaßen vielen Auflagen in zehn Jahren erwarte ich Großes.

Vielleicht zu Großes: „Die Chemie des Todes“ ist zwar ein gelungener Thriller, allerdings in seinen Bestandteilen auch überraschend konventionell. Wo spielt die Handlung? In irgendeinem verlassenen Dorf, das von Wäldern umgeben ist. Wo wird das Opfer festgehalten? Logisch: In einem dunklen, feuchten Raum. Dass die Ermittlungen der Polizei erfolglos sind – wer hätte das gedacht? Und auch die Tatsache, dass der Protagonist irgendwann in die ganze Nummer reingezogen wird und sich schließlich selbst auf die Suche nach dem Täter begibt, ist wenig überraschend. Dazu kommen noch ein paar gruselige Tierleichen, eine traurige Vorgeschichte, merkwürdige Träume und eine neue Liebe – alles so weit nichts bahnbrechend Neues.

Und doch schafft es Simon Beckett durch zwei hervorragende Ideen, seine Story deutlich aufzuwerten: Zum einen wäre da die detaillierte Beschreibung rechtsmedizinischer Arbeit. Ohne zu viel verraten zu wollen: Eine der Figuren entpuppt sich als Experte auf diesem Gebiet und gibt ihre Überlegungen und Erkenntnisse an die Leserschaft weiter. Der zweite gelungene Kniff ist dramaturgischer Natur: Natürlich erwartet jeder, dass die Handlung, wie bei jedem guten Krimi, im letzten Drittel eine überraschende Wendung nimmt. Aber DIESE Wendung, die muss man sich erst mal einfallen lassen! Ich wette, dass 90 Prozent der Leser die letzten 40 Seiten im Eilverfahren gelesen haben.

Nur eine Frage bleibt am Ende offen: Warum wurde dieses Buch noch nicht verfilmt? Nicht nur der immense Erfolg, die Beliebtheit von Romanverfilmungen und der Umstand, dass „Die Chemie des Todes“ Teil einer Reihe ist, sprechen dafür. Auch der Plot bietet sich mit seiner übersichtlichen Figuren-Konstellation und der recht geradlinigen Abfolge von Ereignissen für eine filmische Umsetzung an. Doch bisher: nichts. Merkwürdig.

Nachschub fürs Billy-Regal IV: „Der Tastenficker“ von Flake

Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz ist der heimliche Star bei Rammstein. Seine sympathisch-unsichere Art birgt viel mehr Möglichkeiten zur Identifikation als bei Sänger Till Lindemann, der vermutlich auch nett ist, aber aus Image-Gründen den harten Typen raushängen lassen muss. Verständlich.

Bei Flake ist das nicht so. Wenn er in seiner Biografie mit dem wohlklingenden Namen „Der Tastenficker“ über seine zahlreichen Ängste berichtet, die im Laufe seines Lebens gekommen und gegangen sind, dann kann er das machen, ohne irgendwen zu verwundern. Er ist nun mal ein normaler Typ, der es mit Können und etwas Glück geschafft hat. Und das kommuniziert er auch so.

Wer nun aber annimmt, dass Flake in seinen immerhin fast 400 Seiten umfassenden Memoiren auch ein paar Interna aus dem Rammstein-Kosmos behandelt, der sei gewarnt: Dieses Buch dreht sich tatsächlich nur um Flake – nicht um Rammstein. Nun sind diese beiden Seiten nur schwer voneinander zu trennen, das weiß auch der Autor selbst. Das hält ihn aber nicht davon ab, dieses Konzept komplett durchzuziehen, bis zur letzten Seite. Dort heißt es sinngemäß: Ach stimmt, da war ja noch was, Rammstein…das habe ich jetzt ganz vergessen. Sorry! Fertig, aus, vorbei.

Erst ist man verwirrt, dann etwas verärgert und am Ende greift man sich an den Kopf, weil man überhaupt so naiv war zu glauben, dass dieses gewinnorientierte Unternehmen, das Rammstein nun mal ist, sich die Chance auf eine eigene bestsellerlistenstürmende Biografie von einem seiner Mitglieder nehmen lässt. Nicht mal der Name Till Lindemann fällt irgendwo. Respekt, das muss man erst mal schaffen. Man stelle sich vor, Keith Richards hätte „Life“ geschrieben, ohne Mick Jagger auch nur ein Mal zu erwähnen, geschweige denn die Stones. Undenkbar.

Doch Flake ist nicht wie andere, war er nie und wird er nie sein. Dieser Eindruck bestätigt sich nach jeder kleinen Geschichte dieses äußerst unterhaltsamen Buches. Sogar einige Weisheiten und philosophische Gedanken haben sich darin versteckt. Und vor allem: Viel Humor. Man muss Rammstein nicht mögen, um „Der Tastenficker“ gut zu finden.

Neulich im Kino II: „Paterson“ von Jim Jarmusch

Eigentlich passiert in „Paterson“ ja gar nicht viel. Die Zuschauer erleben sieben Tage im Leben des Busfahrers Paterson (gespielt von „Star Wars“-Bösewicht Adam Driver) und seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani). Während er in seiner Mittagspause Gedichte schreibt und abends in seiner Stammkneipe ein Bier trinkt, gestaltet sie das gemeinsame Haus in eigenwilligen Schwarz-Weiß-Mustern oder bestellt sich online eine Gitarre, um vielleicht irgendwann als stilsichere Country-Sängerin groß rauszukommen. Zusammen kümmern sich Laura und Paterson um den heimlichen Star des Films: die Bulldogge Marvin (verkörpert von einer mittlerweile leider verstorbenen Hundedame namens Nellie).

Es ist insofern ein klassischer Jim-Jarmusch-Film, weil mal wieder alles ganz anders abläuft, als es so ziemlich jeder andere Regisseur inszeniert hätte. Es dominieren die leisen Töne. Dank des routinierten Grundgerüsts, das ein typischer Tag im Leben eines typischen Pärchens mit sich bringt, rücken Kleinigkeiten in den Fokus. Dieser sympathische Blick fürs Besondere im Normalen ergibt, gepaart mit der Poesie von Ron Padgett, der die Gedichte zum Film beigesteuert hat, eine inspirierende Atmosphäre.

Nicht jeder wird Gefallen an der Ruhe finden, die dieser Film visualisiert, aber wann war das schon mal so, dass ein Streifen von Jim Jarmusch alle begeistert hat? Eben. Die vom Zuschauer durch jahrelange Kino-Erfahrung erwarteten Plot-Points kann man hier lange suchen. Dafür gibt es anderes zu entdecken: Zum Beispiel einen Soundtrack, der – wie so oft – von Jarmusch und Produzent Carter Logan selbst stammt, die diesmal aber nicht auf E-Gitarren, dafür vermehrt auf Synthesizer setzen. Oder einen Adam Driver, der so gut spielt, dass eine Oscar-Nominierung gar nicht mal übertrieben wäre.

Neulich im Kino: „Eat That Question – Frank Zappa In His Own Words”

Frank Zappa ist nun schon seit über 23 Jahren tot. So richtig weg war er bis heute zum Glück nicht. Durch das Musikfestival „Zappanale“ und die eine oder andere musikalische Veröffentlichung (2015 erschien sein 100. Album „Dance Me This“) bleibt Frank up to date. Auch wenn es zuletzt durch traurige Neuigkeiten wie den Tod seiner Frau Gail und den darauffolgenden Streit seiner Kinder war.

Als es um den Dokumentarfilm „Eat That Question – Frank Zappa In His Own Words” ging, war sich der Zappa Family Trust noch einig. Der deutsche Filmemacher und Hochschul-Mitarbeiter Thorsten Schütte durfte das Projekt angehen, der Pitch war 2011. Nun läuft der abendfüllende Streifen in ausgewählten Kinos, nachdem er bereits im Januar auf dem Sundance Film Festival gezeigt wurde.

Das Konzept des Films: Niemand redet über Frank Zappa, keine ehemaligen Kollegen, keine Familienmitglieder, niemand. Nur der Meister selbst kommt zu Wort, flankiert von Journalisten, die ihm eine Frage stellen dürfen. Was einseitig klingt, funktioniert ausgesprochen gut. Ergänzt durch Schnipsel aus originalen TV-Berichten sowie Konzertaufnahmen beschreibt Frank Zappa seine Sicht der Dinge. Oft geht es um politische Fragen, seine US-amerikanischen Mitbürger, dann wieder um seine Auffassung von Musik.

Dass dieser Collage eine Interpretation ihres Machers innewohnt, ist klar. Es bleibt aber die einzige Vorgabe, die Deutungshoheit liegt am Ende beim Publikum. Natürlich werden keine kritischen Fragen gestellt, die Zappa nicht persönlich mit einem Witz entkräften kann. Immerhin wäre der Film ohne das Zutun der Hinterbliebenen vermutlich in dieser Form nicht denkbar gewesen.

Aber ganz ehrlich: Wer sich dieses filmische Portrait anschaut, der möchte doch nur eine Bestätigung für etwas, das sowieso schon ewig feststeht: Dass Frank Zappa ein verdammt cooler Typ war. Mit korrekten Ansichten und irre viel Talent. Punkt. Und diese Aufgabe erfüllt „Eat That Question“ mit Bravour.

Crowd-Bericht VII: The Cure in der Mercedes-Benz Arena

Dass The Cure gerne lange Konzerte spielen, hat sich mittlerweile rumgesprochen. Deshalb zählt an so einem Abend nicht nur eine Eintrittskarte zur guten Vorbereitung, sondern auch ein Plan, wie man mit dem Nachtbus nach Hause kommt. Über drei Stunden haben sie bei ihrem letzten Berlin-Besuch vor achteinhalb Jahren gespielt. Wer so etwas weiß, kündigt besser schon mal auf der Arbeit an, dass es am nächsten Morgen später werden könnte. The Cure eben.1

Und tatsächlich wäre es auch in diesem Jahr unverantwortlich gewesen, auch nur einen Song zu früh zu gehen. Erstens, weil das Live-Repertoire vermutlich ausgereicht hätte, um bis zum nächsten Nachmittag durchzuspielen und zweitens, weil die Setlist komplett unberechenbar war. Alleine die Titel Nummer acht bis vierzehn hätten nach allen Regeln der Konzert-Dramaturgie der letzte Zugabenblock sein müssen: In Between Days, Friday I’m In Love, Boys Don’t Cry, Pictures Of You, High, Lovesong und Just Like Heaven. Was sollte danach noch kommen?2

Vielleicht ist das die größte Qualität von The Cure: dass es eben immer weitergeht. Es gibt nicht die fünf elementaren Titel, auf die alle warten. Robert Smith hat genug großartige Nummern im Gepäck, um die Spannung ewig aufrecht zu erhalten. Er kann es sich leisten, eigentlich unverzichtbare Konzert-Highlights wie Plainsong oder The Lovecats an diesem Abend einfach wegzulassen.  Was soll’s, dafür hat er The Walk, A Forest und Lullaby gespielt – übrigens allesamt auch nicht Bestandteile des letzten Zugabenblocks.3

Was kam denn stattdessen zum großen Finale? Ganz einfach: Let’s Go To Bed, Close To Me und Why Can’t I Be You? Es waren die Songs Nummer 31 bis 33 eines unglaublichen Abends, alle 17.000 Besucher in der ausverkauften Mercedes-Benz Arena tanzten nochmal, sogar Robert Smith machte mit. Es sind eben nicht viele Ansagen nötig, um ein Gefühl von Vertrautheit zwischen Publikum und Künstler zu schaffen, manchmal reichen wenige Gesten.