Neulich in der Schaubühne: Professor Bernhardi

Es gibt Ärger im Krankenhaus, und das nicht zu knapp: Der Direktor Professor Bernhardi verwehrt einem katholischen Pfarrer den Zugang zu einem sterbenden Mädchen. Sie weiß nicht, dass ihr Ende naht, fühlt sich gut – Bernhardi, gespielt von Tatort-Kommissar Jörg Hartmann, möchte ihr diese Illusion nicht nehmen. Während er mit dem jungen Pfarrer (Laurenz Laufenberg) diskutiert, stirbt das Mädchen. Bernhardi ist jüdisch, seine eigentlich menschliche Geste wird zum Skandal. Die Gegner des Direktors, allen voran sein schmieriger Vize Dr. Ebenwald (Sebastian Schwarz), starten einen Putsch.

Regisseur Thomas Ostermeier hat Schnitzlers über hundert Jahre altes Stück optisch in die Gegenwart transportiert. Das Bühnenbild ist weiß und steril, schicke Möbelstücke werden herein- und herausgeschoben, eine Videoprojektion zeigt im Hintergrund gelegentlich Großaufnahmen der Gesichter, handschriftlich an die Wand gekritzelte Ortsbezeichnungen verdeutlichen, wo die Szene spielt. Bei einem Umbau werden sie nicht weggewischt, sondern verschmiert. Sie bleiben präsent, Zeugnisse der Vergangenheit.

Währenddessen geht es um die Zukunft der Privatklinik: Der Stiftungsrat ist zurückgetreten, die Abteilungsleiter streiten. Rechts sitzen die Populisten, links Bernhardis Befürworter, und in der Mitte der langen Tafel der Direktor selbst. Er ist der Einzige mit dunklem Anzug unter Kittelträgern, das schwarze Schaf. Äußerlich wirkt er immer noch locker, bewahrt eine Distanz zu den Vorwürfen – bis die von Antisemitismus geprägte Feindseligkeit seiner „verehrten Kolleginnen und Kollegen“ ihren Höhepunkt erreicht. Die Populisten veröffentlichen eine Anfrage in der Zeitung, mittlerweile hat sich auch der überdrehte Minister Flint (Hans-Jochen Wagner) eingeschaltet, eine Haftstrafe wegen Störung der Religionsausübung droht. Jetzt reicht es dem Professor, zum ersten Mal wird er laut, knallt seine Tasche auf den Tisch und legt sein Amt nieder.

Woher der ganze Hass gegen Bernhardi kommt und ob die Wut womöglich nur Mittel zum Zweck ist, wird trotz unzähliger, sehr ausführlicher Dialoge nicht klar. Die fast dreistündige, pausenlose Inszenierung in der Berliner Schaubühne ist ein Kraftakt – für die Schauspieler und für das Publikum. Ein Kraftakt, der zweifellos gut gemacht ist, der aber ohne wirkliche Erkenntnis endet. Antisemitismus und Ausgrenzung funktionieren heute anders als zu Arthur Schnitzlers Zeiten. Die Gesellschaft und auch die Medien würden nicht so reagieren, es gibt für die Betroffenen mehr Möglichkeiten, sich gegen die Vorwürfe zu wehren. In diesen Momenten verweigert sich das Stück inhaltlich seiner optischen Aktualisierung. Vielleicht ist aber gerade das gewollt, bleibt so doch mehr Raum zum Nachdenken.

Crowd-Bericht XI: Prophets of Rage in der Zitadelle

Nachdem die musikalische Protestwelle gegen Donald Trump bisher relativ überschaubar vor sich hin schwappte, war nun eine Band in Berlin zu hören, die sich explizit aufgrund der aktuellen US-Politik gegründet hat: die Prophets of Rage. Hervorgegangen aus der kapitalismuskritischen Crossover-Allzweckwaffe Rage Against the Machine versuchen die Prophets den politischen Protest-Geist der 90er in die Gegenwart zu transportieren. Fuck you, I won’t do what you tell me 2.0.

Mit dabei sind immer noch Tom Morello, Tim Commerford und Brad Wilk, also die komplette Rage-Instrumental-Fraktion. Den ehemaligen Part von Frontmann Zack de la Rocha übernehmen nun die HipHop-Legenden B-Real und Chuck D, MCs bei Cypress Hill und Public Enemy. DJ Lord – ebenfalls von den Enemies – vervollständigt die Truppe.

Zusammen haben sie 2016 die EP „The Party’s Over“ rausgehauen und performen nun auf ihrer ersten Europa-Tour eine Mischung aus dem Song-Fundus ihrer prominenten Mitglieder – alles mit ordentlich Power dahinter, wobei der Fokus klar auf den mittlerweile legendären Alben von Rage Against the Machine liegt.

Die Idee, Zack de la Rochas übermächtigen Schatten am Mic auf zwei MCs aufzuteilen, war die einzig richtige. Eine bessere Wahl ist eigentlich nicht denkbar: Sowohl B-Real als auch Chuck D sind bereits mit Rage Against the Machine aufgetreten. Und doch gibt es keinen Grund für Illusionen. Niemand kann Tracks wie „Bullet in the Head“ so rüberbringen wie ihr Urheber, der sie mit seiner Wut und seinem Flow überhaupt erst so groß gemacht hat.

Wer den Auftritt in der Berliner Zitadelle miterleben durfte, der hat mit B-Real und Chuck D jedoch zwei Rapper erlebt, die mit ihrer Interpretation dieser übermächtigen Songs einen überraschend guten Weg gefunden haben, der Größe und Kraft des Materials gerecht zu werden. Man nimmt ihnen ihre Message ab, die sie über die instrumentale Druckwelle rüberschmettern. Den kommerziellen Interessen, die dem Projekt gerne vorgeworfen werden, stellen sie eine Show gegenüber, die zwar viele Kriterien eines großen Rock-Acts erfüllt (inkl. nicht ganz billiger Band-Shirts), aber trotzdem ein Protest-Bild transportiert, das angesichts der Berühmtheit dieser Musiker schon fast surreal ist.

Es besteht kein Zweifel: Die Prophets of Rage meinen es ernst. Ein erstes Album folgt im September, die aktuelle Single „Unfuck the World“ kam in der Zitadelle schon gut an. Zwar schlägt auch 20 Jahre später nichts so sehr ein wie die alten Rage-Against-the-Machine-Knaller (und davon gab es einige zu hören), aber das neue Material besitzt auch locker das Potential, den gesamten Laden zum Springen zu bringen. Und dabei erfüllt es inhaltlich einen ähnlich guten Zweck. In diesem Sinne: Clear the way for the Prophets of Rage!

Crowd-Bericht X: Tom Schilling & The Jazz Kids im Columbia Theater

Man muss Tom Schillings Filme nicht mögen, um seine Musik gut zu finden. Das ist vielleicht das größte Kompliment, das man ihm und seiner vierköpfigen Band machen kann. Tom Schilling & The Jazz Kids heißen sie zusammen. Mit Jazz hat das alles nicht viel zu tun, eher mit Nick Cave & The Bad Seeds. Die Ähnlichkeit beim Bandnamen und bei den Outfits ist kein Zufall: Anzugträger Schilling ist nämlich, wie man in letzter Zeit häufiger lesen konnte, Fan von Anzugträger Cave. Und von Pete Doherty. Und von Element of Crime. Letztere wurden bei Rezensionen zum Tom Schilling & The Jazz Kids Debütalbum „Vilnius“ häufig als Quelle der Inspiration herangezogen, was aber, sofern es stimmt, nur schwer herauszuhören ist. Dann doch eher Nick Cave. Aber eigentlich ist das auch egal, so lange das Ganze nicht klingt wie ein singender Schauspieler, der sich in Sachen Deutschpop versucht. Und das soll und tut es definitiv nicht.

Jedoch, bei aller Mühe: So ganz auseinanderhalten kann man den Musiker und den Schauspieler Tom Schilling dann doch nicht. Zum einen, weil die Jazz Kids den Soundtrack zu Schillings Erfolgsfilm „Oh Boy“ eingespielt haben, zum anderen, weil viele natürlich wegen dem beliebten wie bekannten Frontmann die Konzerte besuchen. Der spielt seine Rolle als Sänger so, wie er die meisten seiner Filmrollen verkörpert – etwas schüchtern, ein wenig unsicher und vielleicht gerade deswegen sympathisch.

Dass Tom Schilling & The Jazz Kids auch richtig gute Songs auf der Setlist haben ist quasi der Bonus, den die Besucher bekommen – so auch im Columbia Theater Berlin vor wenigen Tagen. Es war das Tourfinale zum Debüt und wer das Album schon vorher sein Eigen nennen durfte, der wusste, dass dieser Abend nicht schlecht werden konnte. Knappe zwei Drittel der Nummern auf „Vilnius“ sind gelungen, keine Frage (siehe und höre den Opener „Kein Liebeslied“). Und der Rest ist zumindest ganz gut gemacht, immerhin saß Moses Schneider im Studio an den Reglern, was ja auch als so eine Art Qualitätssiegel gelten darf.

Die Live-Umsetzung der Platte rangierte im Columbia Theater zwischen ruhigen Chansons („Ja oder Nein“) und wuchtigem, Bad-Seeds-ähnlichem Material. Der E-Bass dominierte, dazu Keyboard, Gitarre, Schlagzeug und zeitweise ein Cello oder Akkordeon. Ab und zu ist ein Country-Einschlag hörbar („Ballade von René). Tanzbar ist das alles nur bedingt, unterhaltsam aber trotzdem und manchmal sogar richtig schön („Kalt ist der Abendhauch“, „Schwer dich zu vergessen“). Die teils düsteren Texte passen zu Tom Schillings zurückhaltender Art. Und auch wenn nicht alle Songs zündeten, an Applaus mangelte es nicht. Wer verschiedene Wege ausprobiert, kann nicht immer richtig liegen. Der Auftritt in Berlin war vielfältig genug, um am Ende alle irgendwie zu überzeugen.

In Interviews betont Tom Schilling stets, dass er nicht weiß, ob er jemals noch eine Platte aufnehmen wird. Die 75 Minuten im  Columbia Theater waren ein gutes Argument, es zu versuchen.

Crowd-Bericht IX: KoЯn im Velodrom

Wenn KoЯn-Drummer Ray Luzier am Dienstagabend im Berliner Velodrom mal richtig auf sein Instrument gehauen hat, dann wackelte bei den Leuten in den ersten Reihen das Haupthaar. Nicht vom Headbangen, also nicht nur, sondern von der Druckwelle, die mit dem Sound einherging.

Ja, es war richtig laut, vielleicht etwas zu laut. Aber ok, das Velodrom ist groß und es soll sich auch keiner beschweren können, der Typ vor ihm habe die ganze Zeit gequatscht. Die Bude war übrigens voll – es sind ja schon fast sieben Jahre vergangen seit dem letzten KoЯn-Konzert in der Hauptstadt. Damals hieß die aktuelle Scheibe „KoЯn III – Remember Who You Are“ und war, wie auch diverse Alben davor und danach, nicht so durchgängig beliebt wie das meisterhafte Frühwerk der Gruppe. Da ist die aktuelle LP „The Serenity of Suffering“ ein wahrhaftiger Lichtblick: Das Ding knallt einfach und ist sicher ein Grund für den Besucherandrang.

Aber nur ein Grund von mindestens dreien: Denn mit Hellyeah und Heaven Shall Burn haben KoЯn zurzeit zwei namenhafte Vorbands an ihrer Seite. Beide bretterten an diesem warmen März-Abend heftig los. Dass Supporting Acts stilistisch härter unterwegs sind als der Headliner, erlebt man auch nicht alle Tage. Legendär, wie Soulfly 2005 in Leipzig für Angst und Schrecken unter den Black-Sabbath-Konzertbesuchern sorgten. So viele fragende Blicke gab es diesmal nicht, was auch daran lag, dass viele Hellyeah- und HSB-Anhänger im Publikum standen. Oder die KoЯn-Fans sind einfach mehr gewohnt, immerhin war Dimmu Borgir Vorgruppe des 2010er Berlin-Gigs der Boys aus Bakersfield. Und die sind ja auch nicht gerade für ihre Balladen bekannt.

Alle eventuellen Bedenken, die Truppe um Jonathan Davis könnte live nach fast einem Vierteljahrhundert an Power eingebüßt haben, waren unbegründet, da KoЯn ebenfalls ein brachiales Set ablieferten. Mit 75 Minuten zwar recht kurz, dafür aber intensiv schmetterten sie von „Right Now“ bis zum finalen „Freak on a Leash“ Hit an Hit ins Auditorium. Sehr gut kam wie immer „Y’all Want a Single“ an, aber auch „Shoots and Ladders“ (stilecht mit Dudelsack) macht live noch mächtig was her. Und „Twist“ sowieso. Gleiches gilt für die zwei dargebotenen Songs vom aktuellen Album („Insane“ und „Rotting in Vain“).

Zum Abschluss flogen bandtypisch haufenweise Plektren, Drumsticks, signierte Schlagzeugfelle und sonstige potentielle Erinnerungsstücke ins Publikum. An dieser Stelle sei dem jungen Mann herzlich gedankt, der mir sein Plektrum überlassen hat. „Ich habe schon eins“, sagte er lächelnd.

Ich jetzt auch.

Crowd-Bericht VIII: Peter Doherty im Huxleys

Es war fast wie bei der Cantina Band: Dreimal spielte Pete Doherty im Berliner Huxleys „Kolly Kibber“, den Eröffnungstrack seines aktuellen, tourbetitelnden Albums „Hamburg Demonstrations“. Ihm selbst war das nicht so geheuer, aber das Filmteam bestand darauf. Vielleicht war der Akku leer oder die Speicherkarte voll, vielleicht brauchten sie aber auch einfach mehr Material für das neue „Kolly Kibber“-Video, das daraus entstehen soll. Im Publikum nahm man die Dreharbeiten mit Humor und hoffte insgeheim, das auch für „Fuck Forever“ oder ähnliche Kaliber ein Mitschnitt geplant ist.

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Der „Kolly Kibber“-Hattrick war nicht der erste „Das hab ich ja noch nie erlebt“-Moment dieses Abends und sollte auch nicht der letzte sein. Los ging es schon, als sich gefühlt im Viertelstundentakt die Support Acts die Gitarre in die Hand gaben. Den Opener machte der angekündigte Singer-Songwriter Sion Hill (mit Jürgen-Klopp-Doppelgänger an der E-Gitarre), gefolgt von David Gaffney, der nur drei Songs spielte und sich ausdrücklich für diese Chance bedankte, bis hin zu einer Spoken-Word-und-Pete-Doherty-Coversongs-Performance von Trampolene-Mitglied Jack Jones, der später als Gitarrist des Hauptacts noch einmal wiederkommen sollte. Irgendwann standen sogar die Roadies auf der Bühne und spielten ein Lied. Das alles hatte was von einem Bandwettbewerb, war aber durchaus unterhaltsam.

Der Auftritt von Peter Doherty & Puta Madres, wie das Line-up offiziell heißt, entpuppte sich dann als eine völlig neue Konzerterfahrung im Doherty-Universum. Es war keine krachende Indie-Rock-Nummer wie bei den Libertines oder Babyshambles und auch kein Songwriter-Abend wie bei anderen Soloshows des Briten. Die Performance lag irgendwo dazwischen, mit leichter Tendenz ins Progressive. Violine (Miki Beavis) und Keyboard (Katia de Vidas) erweiterten das Klangspektrum merkbar und gaben dem Sound einen Velvet-Underground-Touch, der seine Offenbarung im grandiosen VU-Cover „Ride Into The Sun“ fand. Auch „Flags Of The Old Regime“ erinnerte in einer zwanzigminütigen, mit Amy Winehouse-Lyrics bespickten Version merkbar an Lou Reed und John Cale.

Viele der zum Teil unveröffentlichten Songs hatten einen bewussten Werkstatt-Charakter, Dohertys Antwort auf durchchoreographierte Konzerte. An diesem Abend im Huxleys war alles möglich: Ein junger Mann aus dem Publikum kam auf Wunsch von Pete auf die Bühne, um ein Gedicht vorzulesen, Gitarrist Jack Jones machte einen Kopfstand, Schagzeuger Rafa spielte zeitweise nur noch im Stehen und Babyshambles-Urgestein Drew McConnell am Bass war einfach nur glücklich, wieder mit Pete auf der Bühne zu sein. Sie alle hatten sichtlich ihre Freude und verbreiteten eine sympathische Gemeinschafts-Stimmung, die mit der Zeit auch auf das Publikum überschwappte, obwohl viele sicher ein anderes Konzert erwartet haben. Spätestens bei den Babyshambles-Klassikern „Killamangiro“ und „Fuck Forever“ war dann aber auch der Letzte zufrieden. Sie bleiben jedoch neben „Albion“, „Last Of The English Roses“ und einigen Zeilen aus „Music When The Lights Go Out“ die einzigen Hits dieses Abends. Vielleicht sollte man das aber nicht als verpasste Chance, sondern vielmehr als Erweiterung verstehen.

Neulich im Kino III: „Elvis & Nixon“

Fast 40 Jahre ist Elvis nun schon tot. Aber als einer DER Larger-Than-Life-Typen der Popkultur ist Ihre Königliche Hoheit immer noch äußerst präsent. Klar, in den USA mehr als hierzulande, aber Kult bleibt eben Kult.

Warum also nicht mal wieder einen Film über Elvis machen? Mit namenhaften Schauspielern und einer ebenso abgedrehten wie wahren Story? Eigentlich ist es pures Comedy-Gold, was sich Ende 1970 im Oval Office abgespielt hat: Elvis Presley persönlich kreuzte (bewaffnet) im Weißen Haus auf, um Präsident Nixon eine Dienstmarke abzuschwatzen. Elvis als Bundesagent? Ja richtig, der King wollte undercover gehen und Amerika vor Drogen und dem Einfluss der Beatles retten. Kein Witz. Dass Elvis selbst nicht immer nüchtern war, ist dabei nur einer von vielen Gags.

So geschah es also: „Elvis & Nixon“ kam im April 2016 in die US-amerikanischen Kinos, exakt an Richard Nixons 22. Todestag. Wer spielt den Präsidenten? Logisch: Kevin Spacey. Und Elvis? Michael Shannon. Beide sehen ihrer jeweiligen Figur nicht wirklich ähnlich, was nur konsequent ist.

Bei uns erschien der Film schließlich im Dezember, einen Monat nach der US-Wahl. Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich schon eines ab: „Elvis & Nixon“ wird kein Kassenschlager mehr. Mit einem weltweiten Einspielergebnis von rund 1,5 Millionen Dollar im Gepäck konnte zwar die deutsche Presse, aber nicht das Publikum flächendeckend erreicht werden. Dazu trug auch bei, dass der Streifen nur in ausgewählten Kinos lief. Selbst in Berlin war es gar nicht so einfach, zu den glücklichen Besuchern zu zählen, was im Endeffekt sehr schade ist.

Denn: Die Story ist völlig irre und reizvoll zugleich. Wer ist der wahre Boss? Nixon als Staatsoberhaupt oder Elvis als König von Amerika? Kevin Spacey spielt die Rolle des Präsidenten gröber und einfacher als in „House of Cards“, Michael Shannon den Entertainer mit so viel Überzeugung und Charme, dass es einfach fetzt, diesen zwei Typen 90 Minuten zuzuschauen. Die anderen beiden Kinobesucher und ich hatten jedenfalls riesigen Spaß.

Nachschub fürs Billy-Regal V: „Die Chemie des Todes“ von Simon Beckett

Vor mir liegt die 46. Auflage dieses Buches. Weißes Cover, schwarze Umrandung, schwarze Schrift – Respekt an die Grafik-Abteilung. Alleine diese Aufmachung hat eine unheimliche Aura, dazu der vielversprechende Titel. Bei dermaßen vielen Auflagen in zehn Jahren erwarte ich Großes.

Vielleicht zu Großes: „Die Chemie des Todes“ ist zwar ein gelungener Thriller, allerdings in seinen Bestandteilen auch überraschend konventionell. Wo spielt die Handlung? In irgendeinem verlassenen Dorf, das von Wäldern umgeben ist. Wo wird das Opfer festgehalten? Logisch: In einem dunklen, feuchten Raum. Dass die Ermittlungen der Polizei erfolglos sind – wer hätte das gedacht? Und auch die Tatsache, dass der Protagonist irgendwann in die ganze Nummer reingezogen wird und sich schließlich selbst auf die Suche nach dem Täter begibt, ist wenig überraschend. Dazu kommen noch ein paar gruselige Tierleichen, eine traurige Vorgeschichte, merkwürdige Träume und eine neue Liebe – alles so weit nichts bahnbrechend Neues.

Und doch schafft es Simon Beckett durch zwei hervorragende Ideen, seine Story deutlich aufzuwerten: Zum einen wäre da die detaillierte Beschreibung rechtsmedizinischer Arbeit. Ohne zu viel verraten zu wollen: Eine der Figuren entpuppt sich als Experte auf diesem Gebiet und gibt ihre Überlegungen und Erkenntnisse an die Leserschaft weiter. Der zweite gelungene Kniff ist dramaturgischer Natur: Natürlich erwartet jeder, dass die Handlung, wie bei jedem guten Krimi, im letzten Drittel eine überraschende Wendung nimmt. Aber DIESE Wendung, die muss man sich erst mal einfallen lassen! Ich wette, dass 90 Prozent der Leser die letzten 40 Seiten im Eilverfahren gelesen haben.

Nur eine Frage bleibt am Ende offen: Warum wurde dieses Buch noch nicht verfilmt? Nicht nur der immense Erfolg, die Beliebtheit von Romanverfilmungen und der Umstand, dass „Die Chemie des Todes“ Teil einer Reihe ist, sprechen dafür. Auch der Plot bietet sich mit seiner übersichtlichen Figuren-Konstellation und der recht geradlinigen Abfolge von Ereignissen für eine filmische Umsetzung an. Doch bisher: nichts. Merkwürdig.