Crowd-Bericht XIII: The Pretty Reckless in der C-Halle

Vielleicht ist es nur ein Gefühl, aber viele Stone-Sour-Fans konnten nichts mit The Pretty Reckless anfangen. Oder können die Fans von Taylor Momsen nichts mit Corey Taylor anfangen? Das würde erklären, warum nur so wenige von ihnen da waren, als The Pretty Reckless am 20. November 2017 für Stone Sour den Konzertabend in der Berliner C-Halle eröffneten. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.
Möglicherweise aber waren viele im Publikum eingeschüchtert von Taylor Momsen, dieser 24-jährigen Sängerin, die wütend wirkte, herausfordernd über die Bühne tigerte, ihr Mikrofonkabel wie eine Peitsche umherwirbelte und dabei mit vielen ihrer Bewegungen daran erinnerte, dass Rockmusik mal gefährlicher war. Alles Imagepolitur, lächeln die einen. Eine herausragende Künstlerin im männlich dominierten Rockbusiness, sagen die anderen.

Fakt ist, dass Taylor Momsen auffällig jung und auffällig freizügig war, als sie mit ihrer Band 2009 an den Start ging. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie vor allem als „Gossip Girl“-Darstellerin und Model bekannt. Das änderte sich schnell: The Pretty Reckless bekamen viel Aufmerksamkeit, wenn auch nicht immer aus den richtigen Gründen. Wie ist es möglich, dass eine 17-jährige so gute Songs schreibt? Das wäre die richtige Frage gewesen. Stattdessen wurde die Band schnell als „Jetzt will sie also singen“-Projekt einer ehemaligen Schauspielerin eingestuft, deren sexy Bühnenoutfits mehr Aufmerksamkeit erregten als das, worum es eigentlich ging.

Vielleicht bereut Taylor Momsen mittlerweile selbst, wie der Fokus verrutschte. Ihre Musik hätte die Show nicht unbedingt gebraucht. Andererseits: Wer würde es in dem Alter als Mitglied einer erfolgreichen Band nicht scheppern lassen? Ihr erstes Album war krachende Rockmusik, ihr zweites brachte eine Spur Metal mit rein, ihr drittes etwas Blues. In der C-Halle lief alles zusammen und wurde zu einem energiegeladenen, druckvollen Soundbrett, härter gespielt und anders arrangiert als auf den Studioalben. Eine gelungene Mischung, die nicht nur Taylor Momsen zuzuschreiben ist: Natürlich besitzt sie eine enorme Bühnenpräsenz, die ihre drei Bandkollegen überstrahlt – dafür ist sie die Sängerin. Aber auch Ben Philips (Gitarre), Mark Damon (Bass) und Jamie Perkins (Drums) lieferten ab, glänzten mit Soli und anderen Finessen.

Ob es an der – vielleicht aufgrund ihres zu leise eingestellten Mikrofons – etwas verärgert und entsprechend einschüchternd wirkenden Taylor Momsen lag oder daran, dass dermaßen überzeugende Sängerinnen in härteren Musikgenres recht selten sind – der Applaus der Stone-Sour-Fans ging zwar über das gewöhnliche Höflichkeitsklatschen hinaus, doch so richtig darauf einlassen, wollten sie sich nicht. Meinungen sind verschieden, keine Frage, und bei Musik sowieso. Aber eines sollte man nicht machen: The Pretty Reckless unterschätzen.

Crowd-Bericht XII: Rufus Wainwright in der Elbphilharmonie

Wer war tatsächlich wegen ihm da und wer wollte eigentlich nur mal einen Blick auf die Inneneinrichtung der Elbphilharmonie werfen? Diese Frage beschäftigte Rufus Wainwright noch während seines Konzertes im Großen Saal von Hamburgs neustem Wahrzeichen. In Anbetracht der Standing Ovations, mit denen das Publikum sich am Ende dieses angenehmen Sommertages bei ihm bedankte, muss man sagen: Je mehr nur wegen der Architektur dort waren, desto bekehrender muss das Konzert gewesen sein. Am Ende hatten alle etwas davon – die üblichen Vielbeschäftigten ausgenommen, die beständig ihre E-Mails checken mussten.
Alle diejenigen, die sich von ihrem Smartphone lösen konnten, sahen ein Programm, in dessen Zentrum Rufus Wainwrights bekannte, aber selten live dargebotene Interpretation von Judy-Garland-Songs stand (klarer Favorit: „Zing! Went the Strings of My Heart“). Dazu begleitete ihn Mark Hummel am Piano. Alles Weitere war eine One-Man-Guy-Show mit dem Chef persönlich an den Tasten. Er spielte zwei seiner vertonten Shakespeare-Sonette aus dem gleichnamigen Stück am Berliner Ensemble, „Les feux d’artifice t’appellent“ aus seiner Oper „Prima Donna“, „The Maker Makes“ vom „Brokeback Mountain“-Soundtrack und neben seinem „Halleljuah“-Cover, das mittlerweile genauso bekannt sein dürfte wie Leonard Cohens Original, auch noch eine Perle, die – dank der Samsung-Galaxy-S8-Werbung – zur Zeit ihr Comeback feiert: seine Version von John Lennons „Across the Universe“.

Wer zuvor hin und wieder auf einem Konzert von Rufus Wainwright gewesen ist, merkte schnell, dass es das Hamburger Publikum mit einer strukturell kaum berechenbaren Setlist zu tun bekam, mit einem Sammelsurium aus Covern, gefühlten B-Seiten und einigen Hits. Das alles wurde verbunden zu einem melancholisch-lustig-unterhaltsamen Abend, dessen eindeutiger Höhepunkt eine Unplugged-Version von „Candles“ war. Unplugged, wohlgemerkt, in der kompromisslosesten Form: sogar ohne Mikrofon. Dass Rufus Wainwright sich bei „Cigarettes And Chocolate Milk“ ein paar Mal vertan hat – es war eigentlich richtig so. Sonst wäre das Konzert zu gut geworden. So ist es auch das Menschliche, das in Erinnerung bleibt. Die sympathischen Ansagen, die kleinen Fehler und großen Gesten. Und der Applaus, der nicht aufhören wollte.

Neulich in der Schaubühne: Professor Bernhardi

Es gibt Ärger im Krankenhaus, und das nicht zu knapp: Der Direktor Professor Bernhardi verwehrt einem katholischen Pfarrer den Zugang zu einem sterbenden Mädchen. Sie weiß nicht, dass ihr Ende naht, fühlt sich gut – Bernhardi, gespielt von Tatort-Kommissar Jörg Hartmann, möchte ihr diese Illusion nicht nehmen. Während er mit dem jungen Pfarrer (Laurenz Laufenberg) diskutiert, stirbt das Mädchen. Bernhardi ist jüdisch, seine eigentlich menschliche Geste wird zum Skandal. Die Gegner des Direktors, allen voran sein schmieriger Vize Dr. Ebenwald (Sebastian Schwarz), starten einen Putsch.

Regisseur Thomas Ostermeier hat Schnitzlers über hundert Jahre altes Stück optisch in die Gegenwart transportiert. Das Bühnenbild ist weiß und steril, schicke Möbelstücke werden herein- und herausgeschoben, eine Videoprojektion zeigt im Hintergrund gelegentlich Großaufnahmen der Gesichter, handschriftlich an die Wand gekritzelte Ortsbezeichnungen verdeutlichen, wo die Szene spielt. Bei einem Umbau werden sie nicht weggewischt, sondern verschmiert. Sie bleiben präsent, Zeugnisse der Vergangenheit.

Währenddessen geht es um die Zukunft der Privatklinik: Der Stiftungsrat ist zurückgetreten, die Abteilungsleiter streiten. Rechts sitzen die Populisten, links Bernhardis Befürworter, und in der Mitte der langen Tafel der Direktor selbst. Er ist der Einzige mit dunklem Anzug unter Kittelträgern, das schwarze Schaf. Äußerlich wirkt er immer noch locker, bewahrt eine Distanz zu den Vorwürfen – bis die von Antisemitismus geprägte Feindseligkeit seiner „verehrten Kolleginnen und Kollegen“ ihren Höhepunkt erreicht. Die Populisten veröffentlichen eine Anfrage in der Zeitung, mittlerweile hat sich auch der überdrehte Minister Flint (Hans-Jochen Wagner) eingeschaltet, eine Haftstrafe wegen Störung der Religionsausübung droht. Jetzt reicht es dem Professor, zum ersten Mal wird er laut, knallt seine Tasche auf den Tisch und legt sein Amt nieder.

Woher der ganze Hass gegen Bernhardi kommt und ob die Wut womöglich nur Mittel zum Zweck ist, wird trotz unzähliger, sehr ausführlicher Dialoge nicht klar. Die fast dreistündige, pausenlose Inszenierung in der Berliner Schaubühne ist ein Kraftakt – für die Schauspieler und für das Publikum. Ein Kraftakt, der zweifellos gut gemacht ist, der aber ohne wirkliche Erkenntnis endet. Antisemitismus und Ausgrenzung funktionieren heute anders als zu Arthur Schnitzlers Zeiten. Die Gesellschaft und auch die Medien würden nicht so reagieren, es gibt für die Betroffenen mehr Möglichkeiten, sich gegen die Vorwürfe zu wehren. In diesen Momenten verweigert sich das Stück inhaltlich seiner optischen Aktualisierung. Vielleicht ist aber gerade das gewollt, bleibt so doch mehr Raum zum Nachdenken.

Crowd-Bericht XI: Prophets of Rage in der Zitadelle

Nachdem die musikalische Protestwelle gegen Donald Trump bisher relativ überschaubar vor sich hin schwappte, war nun eine Band in Berlin zu hören, die sich explizit aufgrund der aktuellen US-Politik gegründet hat: die Prophets of Rage. Hervorgegangen aus der kapitalismuskritischen Crossover-Allzweckwaffe Rage Against the Machine versuchen die Prophets den politischen Protest-Geist der 90er in die Gegenwart zu transportieren. Fuck you, I won’t do what you tell me 2.0.

Mit dabei sind immer noch Tom Morello, Tim Commerford und Brad Wilk, also die komplette Rage-Instrumental-Fraktion. Den ehemaligen Part von Frontmann Zack de la Rocha übernehmen nun die HipHop-Legenden B-Real und Chuck D, MCs bei Cypress Hill und Public Enemy. DJ Lord – ebenfalls von den Enemies – vervollständigt die Truppe.

Zusammen haben sie 2016 die EP „The Party’s Over“ rausgehauen und performen nun auf ihrer ersten Europa-Tour eine Mischung aus dem Song-Fundus ihrer prominenten Mitglieder – alles mit ordentlich Power dahinter, wobei der Fokus klar auf den mittlerweile legendären Alben von Rage Against the Machine liegt.

Die Idee, Zack de la Rochas übermächtigen Schatten am Mic auf zwei MCs aufzuteilen, war die einzig richtige. Eine bessere Wahl ist eigentlich nicht denkbar: Sowohl B-Real als auch Chuck D sind bereits mit Rage Against the Machine aufgetreten. Und doch gibt es keinen Grund für Illusionen. Niemand kann Tracks wie „Bullet in the Head“ so rüberbringen wie ihr Urheber, der sie mit seiner Wut und seinem Flow überhaupt erst so groß gemacht hat.

Wer den Auftritt in der Berliner Zitadelle miterleben durfte, der hat mit B-Real und Chuck D jedoch zwei Rapper erlebt, die mit ihrer Interpretation dieser übermächtigen Songs einen überraschend guten Weg gefunden haben, der Größe und Kraft des Materials gerecht zu werden. Man nimmt ihnen ihre Message ab, die sie über die instrumentale Druckwelle rüberschmettern. Den kommerziellen Interessen, die dem Projekt gerne vorgeworfen werden, stellen sie eine Show gegenüber, die zwar viele Kriterien eines großen Rock-Acts erfüllt (inkl. nicht ganz billiger Band-Shirts), aber trotzdem ein Protest-Bild transportiert, das angesichts der Berühmtheit dieser Musiker schon fast surreal ist.

Es besteht kein Zweifel: Die Prophets of Rage meinen es ernst. Ein erstes Album folgt im September, die aktuelle Single „Unfuck the World“ kam in der Zitadelle schon gut an. Zwar schlägt auch 20 Jahre später nichts so sehr ein wie die alten Rage-Against-the-Machine-Knaller (und davon gab es einige zu hören), aber das neue Material besitzt auch locker das Potential, den gesamten Laden zum Springen zu bringen. Und dabei erfüllt es inhaltlich einen ähnlich guten Zweck. In diesem Sinne: Clear the way for the Prophets of Rage!

Crowd-Bericht X: Tom Schilling & The Jazz Kids im Columbia Theater

Man muss Tom Schillings Filme nicht mögen, um seine Musik gut zu finden. Das ist vielleicht das größte Kompliment, das man ihm und seiner vierköpfigen Band machen kann. Tom Schilling & The Jazz Kids heißen sie zusammen. Mit Jazz hat das alles nicht viel zu tun, eher mit Nick Cave & The Bad Seeds. Die Ähnlichkeit beim Bandnamen und bei den Outfits ist kein Zufall: Anzugträger Schilling ist nämlich, wie man in letzter Zeit häufiger lesen konnte, Fan von Anzugträger Cave. Und von Pete Doherty. Und von Element of Crime. Letztere wurden bei Rezensionen zum Tom Schilling & The Jazz Kids Debütalbum „Vilnius“ häufig als Quelle der Inspiration herangezogen, was aber, sofern es stimmt, nur schwer herauszuhören ist. Dann doch eher Nick Cave. Aber eigentlich ist das auch egal, so lange das Ganze nicht klingt wie ein singender Schauspieler, der sich in Sachen Deutschpop versucht. Und das soll und tut es definitiv nicht.

Jedoch, bei aller Mühe: So ganz auseinanderhalten kann man den Musiker und den Schauspieler Tom Schilling dann doch nicht. Zum einen, weil die Jazz Kids den Soundtrack zu Schillings Erfolgsfilm „Oh Boy“ eingespielt haben, zum anderen, weil viele natürlich wegen dem beliebten wie bekannten Frontmann die Konzerte besuchen. Der spielt seine Rolle als Sänger so, wie er die meisten seiner Filmrollen verkörpert – etwas schüchtern, ein wenig unsicher und vielleicht gerade deswegen sympathisch.

Dass Tom Schilling & The Jazz Kids auch richtig gute Songs auf der Setlist haben ist quasi der Bonus, den die Besucher bekommen – so auch im Columbia Theater Berlin vor wenigen Tagen. Es war das Tourfinale zum Debüt und wer das Album schon vorher sein Eigen nennen durfte, der wusste, dass dieser Abend nicht schlecht werden konnte. Knappe zwei Drittel der Nummern auf „Vilnius“ sind gelungen, keine Frage (siehe und höre den Opener „Kein Liebeslied“). Und der Rest ist zumindest ganz gut gemacht, immerhin saß Moses Schneider im Studio an den Reglern, was ja auch als so eine Art Qualitätssiegel gelten darf.

Die Live-Umsetzung der Platte rangierte im Columbia Theater zwischen ruhigen Chansons („Ja oder Nein“) und wuchtigem, Bad-Seeds-ähnlichem Material. Der E-Bass dominierte, dazu Keyboard, Gitarre, Schlagzeug und zeitweise ein Cello oder Akkordeon. Ab und zu ist ein Country-Einschlag hörbar („Ballade von René). Tanzbar ist das alles nur bedingt, unterhaltsam aber trotzdem und manchmal sogar richtig schön („Kalt ist der Abendhauch“, „Schwer dich zu vergessen“). Die teils düsteren Texte passen zu Tom Schillings zurückhaltender Art. Und auch wenn nicht alle Songs zündeten, an Applaus mangelte es nicht. Wer verschiedene Wege ausprobiert, kann nicht immer richtig liegen. Der Auftritt in Berlin war vielfältig genug, um am Ende alle irgendwie zu überzeugen.

In Interviews betont Tom Schilling stets, dass er nicht weiß, ob er jemals noch eine Platte aufnehmen wird. Die 75 Minuten im  Columbia Theater waren ein gutes Argument, es zu versuchen.

Crowd-Bericht IX: KoЯn im Velodrom

Wenn KoЯn-Drummer Ray Luzier am Dienstagabend im Berliner Velodrom mal richtig auf sein Instrument gehauen hat, dann wackelte bei den Leuten in den ersten Reihen das Haupthaar. Nicht vom Headbangen, also nicht nur, sondern von der Druckwelle, die mit dem Sound einherging.

Ja, es war richtig laut, vielleicht etwas zu laut. Aber ok, das Velodrom ist groß und es soll sich auch keiner beschweren können, der Typ vor ihm habe die ganze Zeit gequatscht. Die Bude war übrigens voll – es sind ja schon fast sieben Jahre vergangen seit dem letzten KoЯn-Konzert in der Hauptstadt. Damals hieß die aktuelle Scheibe „KoЯn III – Remember Who You Are“ und war, wie auch diverse Alben davor und danach, nicht so durchgängig beliebt wie das meisterhafte Frühwerk der Gruppe. Da ist die aktuelle LP „The Serenity of Suffering“ ein wahrhaftiger Lichtblick: Das Ding knallt einfach und ist sicher ein Grund für den Besucherandrang.

Aber nur ein Grund von mindestens dreien: Denn mit Hellyeah und Heaven Shall Burn haben KoЯn zurzeit zwei namenhafte Vorbands an ihrer Seite. Beide bretterten an diesem warmen März-Abend heftig los. Dass Supporting Acts stilistisch härter unterwegs sind als der Headliner, erlebt man auch nicht alle Tage. Legendär, wie Soulfly 2005 in Leipzig für Angst und Schrecken unter den Black-Sabbath-Konzertbesuchern sorgten. So viele fragende Blicke gab es diesmal nicht, was auch daran lag, dass viele Hellyeah- und HSB-Anhänger im Publikum standen. Oder die KoЯn-Fans sind einfach mehr gewohnt, immerhin war Dimmu Borgir Vorgruppe des 2010er Berlin-Gigs der Boys aus Bakersfield. Und die sind ja auch nicht gerade für ihre Balladen bekannt.

Alle eventuellen Bedenken, die Truppe um Jonathan Davis könnte live nach fast einem Vierteljahrhundert an Power eingebüßt haben, waren unbegründet, da KoЯn ebenfalls ein brachiales Set ablieferten. Mit 75 Minuten zwar recht kurz, dafür aber intensiv schmetterten sie von „Right Now“ bis zum finalen „Freak on a Leash“ Hit an Hit ins Auditorium. Sehr gut kam wie immer „Y’all Want a Single“ an, aber auch „Shoots and Ladders“ (stilecht mit Dudelsack) macht live noch mächtig was her. Und „Twist“ sowieso. Gleiches gilt für die zwei dargebotenen Songs vom aktuellen Album („Insane“ und „Rotting in Vain“).

Zum Abschluss flogen bandtypisch haufenweise Plektren, Drumsticks, signierte Schlagzeugfelle und sonstige potentielle Erinnerungsstücke ins Publikum. An dieser Stelle sei dem jungen Mann herzlich gedankt, der mir sein Plektrum überlassen hat. „Ich habe schon eins“, sagte er lächelnd.

Ich jetzt auch.

Crowd-Bericht VIII: Peter Doherty im Huxleys

Es war fast wie bei der Cantina Band: Dreimal spielte Pete Doherty im Berliner Huxleys „Kolly Kibber“, den Eröffnungstrack seines aktuellen, tourbetitelnden Albums „Hamburg Demonstrations“. Ihm selbst war das nicht so geheuer, aber das Filmteam bestand darauf. Vielleicht war der Akku leer oder die Speicherkarte voll, vielleicht brauchten sie aber auch einfach mehr Material für das neue „Kolly Kibber“-Video, das daraus entstehen soll. Im Publikum nahm man die Dreharbeiten mit Humor und hoffte insgeheim, das auch für „Fuck Forever“ oder ähnliche Kaliber ein Mitschnitt geplant ist.

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Der „Kolly Kibber“-Hattrick war nicht der erste „Das hab ich ja noch nie erlebt“-Moment dieses Abends und sollte auch nicht der letzte sein. Los ging es schon, als sich gefühlt im Viertelstundentakt die Support Acts die Gitarre in die Hand gaben. Den Opener machte der angekündigte Singer-Songwriter Sion Hill (mit Jürgen-Klopp-Doppelgänger an der E-Gitarre), gefolgt von David Gaffney, der nur drei Songs spielte und sich ausdrücklich für diese Chance bedankte, bis hin zu einer Spoken-Word-und-Pete-Doherty-Coversongs-Performance von Trampolene-Mitglied Jack Jones, der später als Gitarrist des Hauptacts noch einmal wiederkommen sollte. Irgendwann standen sogar die Roadies auf der Bühne und spielten ein Lied. Das alles hatte was von einem Bandwettbewerb, war aber durchaus unterhaltsam.

Der Auftritt von Peter Doherty & Puta Madres, wie das Line-up offiziell heißt, entpuppte sich dann als eine völlig neue Konzerterfahrung im Doherty-Universum. Es war keine krachende Indie-Rock-Nummer wie bei den Libertines oder Babyshambles und auch kein Songwriter-Abend wie bei anderen Soloshows des Briten. Die Performance lag irgendwo dazwischen, mit leichter Tendenz ins Progressive. Violine (Miki Beavis) und Keyboard (Katia de Vidas) erweiterten das Klangspektrum merkbar und gaben dem Sound einen Velvet-Underground-Touch, der seine Offenbarung im grandiosen VU-Cover „Ride Into The Sun“ fand. Auch „Flags Of The Old Regime“ erinnerte in einer zwanzigminütigen, mit Amy Winehouse-Lyrics bespickten Version merkbar an Lou Reed und John Cale.

Viele der zum Teil unveröffentlichten Songs hatten einen bewussten Werkstatt-Charakter, Dohertys Antwort auf durchchoreographierte Konzerte. An diesem Abend im Huxleys war alles möglich: Ein junger Mann aus dem Publikum kam auf Wunsch von Pete auf die Bühne, um ein Gedicht vorzulesen, Gitarrist Jack Jones machte einen Kopfstand, Schagzeuger Rafa spielte zeitweise nur noch im Stehen und Babyshambles-Urgestein Drew McConnell am Bass war einfach nur glücklich, wieder mit Pete auf der Bühne zu sein. Sie alle hatten sichtlich ihre Freude und verbreiteten eine sympathische Gemeinschafts-Stimmung, die mit der Zeit auch auf das Publikum überschwappte, obwohl viele sicher ein anderes Konzert erwartet haben. Spätestens bei den Babyshambles-Klassikern „Killamangiro“ und „Fuck Forever“ war dann aber auch der Letzte zufrieden. Sie bleiben jedoch neben „Albion“, „Last Of The English Roses“ und einigen Zeilen aus „Music When The Lights Go Out“ die einzigen Hits dieses Abends. Vielleicht sollte man das aber nicht als verpasste Chance, sondern vielmehr als Erweiterung verstehen.